Nicht gänzlich ungefährlich war auch mein Ausflug nach La Bocca, einem Stadtteil Buenos Aires‘, dessen größter Teil der Stadtkarte in meinem Reiseführer dick mit „Für Touristen unsicheres Gebiet“ gekennzeichnet ist. Dummerweise lag genau in diesem Gebiet ein Restaurant, welches ich unbedingt ausprobieren wollte. Da aber durch die Busse und deren Haltestellen schon die porteños nicht durchsteigen und ich natürlich drei mal nicht, bin ich aus Versehen ein paar Haltestellen zu früh ausgestiegen. Wie schnell sich doch das Gefühl von Sicherheit verflüchtigen kann, wenn man auf einer Straße, die unter einer Autobahnbrücke her verläuft, bei einsetzender Dämmerung durch ein total dreckiges und abgerissenes Viertel aus ehemaligen Hafenanlagen läuft… erstaunlich.
Das Risiko meine Kamera heraus zu holen um ein paar schöne Fotos zu machen, bin ich lieber nicht eingegangen. Schade wären bestimmt super Fotos geworden… die vermutlich nie jemand zu Gesicht bekommen hätte, weil man mich niedergeschlagen, ausgeraubt und mir die Organe entwendet… egal.

Am Restaurant angekommen öffnet mir Don Carlos, der Besitzer höchstpersönlich die Türen, nur um mir mitzuteilen, dass das Lokal leider erst in einer Stunde öffnet. Sein Blick begegnet dem meinen nach dieser Aussage und er fragt mich spontan, ob ich nicht trotzdem schon mal herein kommen und ein Bier trinken möchte, bis das Lokal öffnet. Ich möchte. Unbedingt!

 

Genau so ehrlich und direkt wie der Chef selbst ist auch das kahle, rustikale (rustikahl, höhö), aber nichtsdestotrotz irgendwie doch charmante Restaurant. Das Essen ist überirdisch gut und ich esse sowohl mein bestes Steak in Buenos Aires‘, als auch die beste, in Argentinien übliche, Chimichurri Sauce (eine Sauce aus Öl, Essig, Pfeffer, Paprika, Petersilie, Zwiebeln und Knoblauch). So gefährlich dieser kleine Trip vielleicht auch war, ich kann jedem nur empfehlen dieses einzigartige Restaurant aufzusuchen. Aber macht es doch bitte so, wie ich auf meinem Rückweg: Nehmt euch ein Taxi.

 

Am nächsten Tag gehe ich in den touristischen Teil von La Bocca. Was für ein Vergleich. Statt grauer Hafenslums, bunte Häuser, bunter Straßenschmuck, ein Touristencafé neben dem anderen und in jeder zweiten Bar wird Tango getanzt. Ich laufe schlendernd in eine große Gruppe Menschen, die vor einem hotelartigen Gebäude an Absperrgittern auf irgend etwas zu warten scheinen. Einer der Wartenden klärt mich auf: Sie warten schon seit mehreren Stunden, denn Will Smith, der gerade mit seinem Sohn hier in La Bocca eine Szene für seinen aktuellen Film gedreht hat, soll sich im Gebäude befinden. Glückskind Sören muss glücklicherweise keine Stunden, sondern nur rund 5 Minuten warten, da öffnen sich die Türen des Hauses und der Hollywoodstar legt Fans abklatschend und Fotoreich die dreißig Meter vom Hotel bis zur wartenden Limousine zurück. Irgendwie skurril, vergleiche ich die heutigen Ansichten dieses Stadtteiles mit denen, die ich gestern Abend nur wenige hundert Meter von hier entfernt, gemacht habe.

Ich setze mich in das Tango-Café in dem am wenigsten Menschen sitzen und bekomme vom hiesigen Tango-Duo eine spontane, private Tanz-Session vorgeführt. Wahnsinn, was für ein unglaublich schöner und erotischer Tanz. Da ich fast der einzige Gast in der Bar bin, setzen sich die beiden danach noch mit zu mir an den Tisch und wir unterhalten uns über Kunst, Musik und Tango. Inklusive ein paar schöner Touri-Fotos.
Noch eine kurze Anekdote der letzten Nacht in BsAs:
Nachdem Micha und ich auf dem Heimweg vom Park in San Telmo mitten in eine Cumbia-Parade geraten sind (eine für Argentinien typische Musikrichtung mit vielen, vieeelen Trommeln, Tänzerinnen und teilweise Blasmusik und Gesang; ein bisschen vergleichbar mit schweizer Guggemusik, nur südlicher), beschliessen wir genau dort, am Plaza Dorrego, wo alle Gruppen eine kleine Darbietung brachten, unseren Abend mit Empanadas und Bier zu beginnen.

Laut, bunt, sexy und gute Laune machend zog eine Cumbia-Gruppe nach der anderen an uns vorbei. So stelle ich mir den brasilianischen Karneval vor… nur… größer. Nach diesem Ereignis (und nachdem wir mit der letzten Gruppe noch, um unser letztes Bier zu leeren zwei Blocks mitgezogen sind), ging es für uns weiter ins bunte Nachtleben von Buenos Aires. In einem Rock-Club in Palermo durften wir ein komplettes Konzert einer sehr… nun… ausgefallenen argentinischen Pop-Rock-Gruppe erleben. Das schrägste an der Gruppe war wohl deren Sänger… Ein leicht übergewichtigen Mittvierziger, mit einer verspiegelten Porno-Sonnenbrille, der sich im Takt wiegend und alberne achtziger Jahre Gesten machend von einer Seite der Bühne auf die andere schunkelte /wankte und dabei unaufhörlich seine mit bunten Perlen durchzogene Rastaperrücke schüttelte. Geil! Sowas muss man erlebt haben um es zu verstehen…
Wir hatten auf jeden Fall Spaß und sind, nach natürlich einer weiteren Boliche (Disko), morgens gegen neun Uhr mit einem zufrieden-betrunken Grinsen nach Hause gewankt.

 


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