Am nächsten Morgen treffe ich beim Frühstück wieder auf die Franzosen, die mich gestern Abend so nett zum Essen eingeladen und mich dabei über Los Alerces ausgefragt haben. Als ich von meinem Plan berichte von hier aus direkt nach Chile zu reisen um dort im Süden noch den Nationalpark Corcovado zu erwandern, mischt sich ein belgisches Pärchen in das Gespräch ein. Die beiden waren ebenfalls sowohl im Parque Torres del Paine, als auch im Corcovado und zuletzt nun in Los Alerces. Sie raten mir, wie auch die Franzosen, davon ab Corcovado zu besuchen. Ja, der Park sei zwar schön, aber sowohl Torres del Paine, als auch Los Alerces seien sehr viel schöner und man wäre wohl eher enttäuscht, wenn man den Park nach diesen beiden Highlights besucht. Sie raten mir dazu lieber noch ein bisschen in Argentinien zu bleiben und erst weiter im Norden die Grenze zu passieren, dort, wo die aktiven Vulkane beginnen. Außerdem solle ich mir auf jeden Fall noch die Umgebung um Bariloche, die sogenannte argentinische Schweiz anschauen.
Mit diesen Ratschlägen im Gepäck, schultere ich meinen Rucksack und mache mich auf in Richtung Tanksetelle, denn ich will wieder trampen. Entweder habe ich einfach unglaubliches Glück in der letzten Zeit, oder die patagonischen Argentinier sind einfach unglaublich nette und offene Menschen, denn schon das erste ältere Ehepaar welches ich ansrpeche, erklärt sich sofort bereit mich bis El Bolsón mitzunehmen.
Ich werde gefragt wo ich herkomme, was ich beruflich mache, wie die Reise bisher war, was ich so beruflich mache und ich stehe Rede und Antwort. Auf spanisch. Ich glaube ich habe in den ersten zwei Monaten in denen ich stets Bus gefahren bin, nicht annähernd so viel spanisch gelernt, wie in den letzten paar Wochen durch das trampen.

Wir sind ungefähr eine Stunde unterwegs, als wir dichten, schwarzen Rauch über der Steppe sehen. Juan-Antonio, der Fahrer erklärt mir, dass dies der berühmte La Trochita Express sei. Eine der letzten Dampflokomotiven Südamerikas. Dementsprechend beliebt sei die Fahrt, die damals Teil der Ferrocariles Patagónicos, der staatlichen Eisenbahnlinie war, heute aber nur die 400km zwischen EL Bolson und El Maitén zurücklegt.
Hmm, vielleicht auch eine schöne Möglichkeit weiter in den Norden zu reisen…

Die letzten Stunden der Fahrt bekomme ich, nachdem Antonio herausgefunden hat, dass ich Musiker bin, eine sehr ambitionierte Nachhilfestunde in argentinischer Folklore. Er erklärt mir viele Unterschiede in den Musikrichtungen, von denen ich leider nicht alles verstehe, da für solch ein detailliertes Thema mein rudimentäres Spanisch dann doch noch nicht ausreicht. Als ich ihm am Schluss der Fahrt eine meiner CDs schenke, ist er sichtlich gerührt und bedankt sich überschwänglich bei mir, wobei doch eigentlich ich derjenige sein sollte, der hier Danke zu sagen hat…

In El Bolsón frage ich mich bei einigen jungen Backpackern zu einem schönen Hostel durch. Die ältere und super nette Hostel-Mitarbeiterin Patricia erklärt mir, dass hier in den kommenden drei Tagen ein großes Straßenfestival stattfinden wird und das ich dafür unbedingt bleiben sollte, also checke ich spontan für zwei Nächte ein, obwohl ich eigentlich morgen direkt weiterziehen wollte. Man muss sich eben treiben lassen.

Apropos treiben lassen (was für eine Überleitung)… Ich sitze am ersten Abend beim Abendessen zusammen mit einem Franzosen am Tisch, der sehr ausführlich von seinem Plan berichtet sich im nächsten Sommer, zusammen mit drei Freunden ein Segelboot zu kaufen. Ihr Plan: Jeder steckt circa 5000€ in das Segelboot, die vier schippern einen ganzen Sommer lang mit dem Boot um die Welt und am Ende wird die Schaluppe für mehr oder weniger dasselbe Geld wieder verkauft. Ein halbes Jahr Nutzung hinterlässt an solch einem Boot, wenn man keine Unfälle hat, kaum merkliche Spuren. Das Geld für teure Hotels oder Hostels wird gespart, ebenso wie sämtliche Fortbewegungsmittel und kochen kann man auch an Bord. Günstiger kann man kum reisen. Eine einfache, aber ziemlich geniale Idee wie ich finde. Einziges Manko: Man bräuchte jemanden der segeln kann. Wobei, die Sailing Conductors vor ihrem Trip ja auch keinerlei Segelerfahrung hatten…

Nach dem Essen entwickelt sich eine spontane Gitarren-Jam-Session im schönen Innenhof des Hostels und ich gebe selbstverständlich Barden-like auch das ein und andere Lied zum besten. Patricia ist so begeistert von meinen Songs, dass sie mir spontan eine CD abkauft, womit sie eine Welle lostritt und ich direkt noch vier weitere CDs verkaufe. Perfekt, direkt Taschengeld für das Festival morgen.

Am nächsten Tag werde ich auf dem Weg zum einkaufen von einem Argentinier nach dem Weg zum Busbahnhof gefragt. Da ich gestern schon daran vorbei gegangen bin, kann ich ihm sagen wo er hin muss. Auf spanisch. Ja, das trampen hat durchaus Spuren hinterlassen. Mein Spanisch ist mittlerweile ganz passabel geworden.

Ich koche das, was ich erst vor einigen Tagen am Perito Moreno in einem Restaurant gegessen habe: Gefüllter Kürbis.
Da so ein Kürbis nun mal eine gewisse Größe hat, koche ich einfach direkt für zwei andere Leute mit.

Danach geht es natürlich auf die Straße, Festival geniessen. Der Abend wird sehr lang und sehr lustig. Es ist so schön, dass hier so viel des Gemeinschaftslebens auf der Straße stattfindet. Wäre das in Deutschland ebenso, wäre die Mentalität sicherlich eine viel entspanntere und das Gemeinschaftsempfinden deutlich höher. Dafür müsste es vermutlich nur deutlich längere und heissere Sommer geben…

Bariloche, die argentinische Schweiz ist nur knappe zwei Stunden von El Bolsón entfernt. Da der Bus dorthin gerade mal 5€ kostet, würde sich trampen kaum lohnen.
Die extrem lange Fahrt in den verschiedensten Autos von Ushuaia nach Esquel, mit meinem kleinen 800km Umweg über Puerto Madryn, hat allerdings ihre Spuren hinterlassen. Ich habe mir, wohl durch falsches Sitzen, irgendwann auf dieser langen Strecke eine Vene im Bein geklemmt und habe mir dadurch eine kleine Thrombose am… nun… hinteren Ausgang eingefangen. Das kleine Geschwür tut richtig weh und ich kann kaum noch sitzen. Ich beschließe in Bariloche erst mal eine kleine Pause von den vielen Fahrten einzulegen und ein paar Tage dort zu bleiben. Und wieder ein mal fügt sich alles, wie magisch zusammen… Aber dazu mehr im nächsten Blog.


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