Andrea und ich haben uns gestern Abend dazu entschlossen, dass wir auch den nördlichen Teil des Parks noch wandern wollen, also den Circuit, das O laufen wollen. Das bedeutet, dass wir übermorgen den Pass überqueren müssen um auf die andere Seite der Torres zu gelangen. 
Trotz des schönen Wetters, dass uns in den letzten drei Tagen den Nationalpark von der schönsten Seite gezeigt hat, ist es eisig kalt. Immerhin befinden wir uns im südlichsten Teil von Chile. Der Südpol ist also gar nicht so weit weg. Genau wie in Ushuaia und Umgebung, ist es hier außerdem immer windig, was zusätzlich an den Kräften zehrt. Wir ziehen uns wie jeden Morgen die Mützen tief in die Stirn und unsere Halstücher über die Nase und machen uns auf den Weg. Der heutige Weg führt uns aus dem French Valley wieder hinunter ins Tal, am Lago Nordenskjund vorbei zum Refugio Paine Grande, unserem heutigen Etappenziel.

Gegen Mittag erreichen wir das verbrannte Waldgebiet. Einer der Ranger hat uns erzählt, dass es in den letzten Jahren immer wieder zu Bränden im Naturschutzgebiet gekommen ist. Alle durch Touristen verursacht. Der größte Brand ereignete sich 2014 und zerstörte circa 20.000 Hektar, des 240.000 Hektar großen Naturschutzgebietes. 2012 wurden schon einmal knapp 13.000 Hektar Wald zerstört.
Wir werden beide still. Die Landschaft wirkt unwirklich, die Skelette der Bäume um uns herum stimmt einen sofort traurig. Es ist zwar überall dazwischen wieder grün zu sehen, aber bis sich ein Gebiet dieser Größe von solch einem verheerenden Brand erholt, dauert es Jahrzehnte.

Am Abend im Lager hören wir die ersten Gerüchte, dass es im Passgebiet in den letzten Tagen heftig geschneit haben soll. Das würde unsere Überquerung auf jeden Fall erschweren.

Die letzte Etappe des W‘s am nächsten Tag, ist eine der schönsten der gesamten Strecke. Wenn man hier überhaupt irgendeine Schönheit der Natur mit einer anderen vergleichen kann. Denn auch die letzten paar Tage haben wir schon so viel Schönes hier gesehen. Der Grey Gletscher lässt uns aber noch mal besonders staunen. Riesige Eisschollen treiben auf dem Wasser vor dem Gletscher und als die Sonne durch die heute dichten Wolken bricht, scheint der gesamte Gletscher in einem magischen türkis-blau.

Plötzlich taucht ein schwarzer Punkt am wolkenverhangenen Himmel auf. Ich bleibe stehen und beobachte ihn eine Zeit. Wir haben tatsächlich das Glück einen der seltenen Kondore zu sehen. Ausgewachsene Vögel dieser Herren der Lüfte sind bis zu 15 Kilo schwer und haben eine Fügelspannweite von bis zu drei Metern. Unser Exemplar kommt bestimmt auf gute zwei Meter und gleitet lautlos durch den Himmel. Wir beobachten den Riesen der Lüfte gute zehn Minuten, in denen der gigantische Greifvogel nicht ein einziges Mal mit den Flügeln schlägt. Atemberaubend.

Am Camp Grey angekommen erfahren wir von anderen Wanderern beim Zeltaufbau, dass der Pass auf die andere Seite des Parks gestern aufgrund von erneutem heftigem Schneefall gesperrt wurde. Es ist zu gefährlich geworden den Berg zu überqueren. Da man uns absolut nicht sagen kann, ob der Pass in den nächsten Tagen wieder öffnen kann, beschließen Andrea und ich die Wanderung hier zu beenden und morgen mit dem Katamaran zum Ausgangspunkt zurück zu fahren. Wir wären gerne auch zurück zum Ausgangspunkt gelaufen, aber den Park in diese Richtung zu durchqueren ist leider nicht erlaubt.

 

Völlig überwältigt von der atemberaubend schönen Landschaft der letzten vier Tage sitzen wir auf dem Boot. Zurück am Ausgangspunkt unserer Reise, dem Hotel Torres, muss ich erst mal meine weinende Mutter am Telefon beruhigen. Ich hatte nicht Bescheid gesagt, dass ich die nächsten fünf Tage keinerlei Empfang und Internet haben werde und sie hat sich natürlich die größten Sorgen gemacht und die wildesten Geschichten gehabt.

Zurück nach El Calafate will Andrea aufgrund meiner Tramper-Stories von Ushuaia, diese Art der Fortbewegung auch mal ausprobieren. Also stellen wir uns außerhalb des Parks an die Straße und halten unsere Daumen in den stetigen Wind. Ein Bauarbeiter-Fahrzeug, ein nettes Pärchen und eine Großfamilie im Van später, sind wir wieder im knapp 250km entfernten El Calafate angekommen.

Eiskalte Nächte, schmerzende Füße, barfuß durch einen Gletscherfluss, die verlorene Kamera, die Kosten der Ausrüstung – all das ist vergessen. Zurück bleibt nur das Gefühl absoluter Freiheit und Ruhe und die Bilder dieses unfassbar schönen Stückchens Erde.

 


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