Es gibt zwei Haupt-Routen durch den Torres del Paine Nationalpark. Das „W“ und das „O“. Das W ist eine Route von A nach B an deren Ende man sich mit einem Katamaran zum Ausgangspunkt zurückbringen lassen kann. Die Route hat den Buchstaben W, da dies von oben betrachtet in etwa der Route durch den park entspricht. Genau in der Mitte der Route (also im mittleren Strich des W‘s) wandert man in das „French Valley“, ein Tal zwischen zwei Bergen hinauf.

Das W ist circa 70 Kilometer lang bei knapp 2400 Höhenmetern und die Wanderung dauert etwa vier bis fünf Tage. Man kann hier in Hütten übernachten, allerdings muss man diese zur Hauptsaison weit im Voraus buchen um eine Chance auf eines der begehrten Betten zu haben. Wir sind lieber ganz klassisch mit Zelt und Schlafsack unterwegs. Es ist zwar etwas frischer nachts, aber a) ist man so einfach viel näher an der Natur durch die man wandert, b) ist es einfach gemütlicher und c) natürlich auch fürs Budget sehr viel enstapnnter.
Das O, die Form des Buchstabens lässt es schon vermuten, ist eine Rundroute. Hier muss man über einen sehr steilen Bergpass im Norden des Parks und geht dann einen Tag lang über eine Gletscherzunge wieder hinab. Auf dieser Route bekommt man den wunderschönen, von Touristen eher unbeachteten nördlichen Teil des Parks, quasi „hinter“ den Torres zu sehen. Diese Route dauert circa acht bis zehn Tage, ist etwa 130 Kilometer lang und mit knapp 4300 Höhenmetern deutlich anstiegsreicher als das W.

Wir haben uns tatsächlich noch nicht final für eine der Routen entschieden. Wir wollen das Ganze erst mal auf uns zukommen lassen.
Ich treffe vor der Abreise zum Park in meinem Hostel noch Dominik, einen Deutschen, der das O in tatsächlich nur vier Tagen gewandert ist. Ich würde ihn als Hochstapler verkaufen, wenn der Informatiker nicht erzählt hätte wie… Er hat seinen Kalorienverbrauch bei einer Testwanderung gemessen, danach seine Nahrung sorgsam in einer Liste mit Kalorienbedarf und Gewicht der Nahrungsmittel zusammengestellt, um Nachts ausreichend zu regenerieren, hat sich jeden Tag auf halb fünf den Wecker gestellt um mit seiner Kopflampe loszuwandern, seine Mittagspause auf exakt 10 Minuten reduziert und ist fast die ganze Zeit eher gejoggt als gegangen. Und da wundern wir uns, wenn die Deutschen als ultra-effizient und plan-wahnsinnig gelten. Ich denke mir nur: So rational analytisch kann auch nur ein Informatiker wandern gehen.
Ob das die geeignete Art ist diese unfassbar tolle Natur zu durchwandern? Ich weiss ja nicht…

 

Ich wandere zusammen mit Andrea, einer Österreicherin, die ich auf der Reise kennengelernt habe und die am Tag unserer Abreise in den Park erst mal verschläft. Gut, dass wir nicht zur Kompetition gegen meinen Zimmerpartner antreten.

Zum Glück sind wir in Südamerika und so wartet der Busfahrer einfach gelassen bis Andrea, zehn Minuten nach der eigentlichen Abfahrtszeit erscheint. Im Bus läuft (natürlich) Musik. Dieses Mal allerdings mal kein nerviger Cumbia, sondern die größten Hits der 90er. Offspring „Gotta get away“, Culture Beat mit Mr. Vain und Co… Yeah, das motiviert doch die Füße für den Trip!

Andrea stellt unterwegs fest, dass sie in der verschlafenen Eile am Morgen tatsächlich ihren Schlafsack vergessen hat. Oh ha. Am Eingang des Parkes angekommen, laufen wir also nicht direkt los, sondern gehen in das dortige Hotel und versuchen einen Schlafsack aufzutreiben. Mit Erfolg.
Jetzt kann es endlich losgehen.

Schon die ersten paar Stunden im Park machen deutlich, dass wir dieses Erlebnis nicht so schnell vergessen werden. Der Park ist wirklich atemberaubend schön. Da hier sämtliche Versuche der Beschreibung völlig versagen würden, einfach mal zwei exemplarische Fotos:

 

Wir wandern durch weite Ebenen, an Gletschern vorbei und bestaunen immer wieder die massiven Berge, an denen wir vorbeiwandern.
Abends kommen wir an unserem ersten Schlafplatz, dem Camp Grey an. Nach Abendessen von unserem Campingkocher, sind wir heilfroh beide einen Schlafsack zu haben, denn schon kurz nach Sonnenuntergang wird es schnell empfindlich kalt.
Am nächsten Tag geht es direkt im Morgengrauen hinauf zu den Namensgebern des Nationalparks, den Torres del Paine. Wir haben unglaubliches Glück, denn oft sieht man hier oben nur dichte Wolken, anstatt der drei Felsnadeln.

Danach geht es den selben Weg wieder hinunter und weiter zum Camp Cuernos. Der Natur ist so abwechslungsreich, dass man gar nicht anders kann, als den ganzen Tag im Kreis zu staunen. Es ist einfach unfassbar schön hier.
Ein mal müssen wir sogar unsere Schuhe ausziehen und unsere Rucksäcke auf dem Kopf transportieren um einen eiskalten Gletscherfluss zu durchwaten (an den Gedanken daran bekomm ich jetzt noch kalte Füße).
Abends im Camp werden wir dafür allerdings mit einer heissen Dusche belohnt. Ein Touri-Luxus, den wir allerdings nach diesem Tag nur zu gerne nutzen.

Am dritten Tag passiert es dann:
Auf dem Weg zum Camp Italiano, stellt Andrea plötzlich fest, dass ihre Kamera aus der nicht ganz geschlossenen Seitentasche ihres Rucksacks gefallen ist. Wir gehen rund zwei Kilometer wieder zurück in die entgegengesetzte Richtung, finden aber leider nichts. Vielleicht hat sie schon ein anderer Wanderer gefunden und gibt sie, Wanderer-Ehre, im nächsten Camp ab. Irgendwie steht Andreas Wanderung unter keinem guten Stern. Neben Verschlafen, Schlafsack vergessen und Kamera verloren, verliert sie während der Suchaktion auch noch ihre Handschuhe. Sie ist völlig aufgelöst und fragt sich, warum das alles ausgerechnet ihr passieren muss. Wir setzen uns erst mal zu einem ausgedehnten zweiten Frühstück hin und ich gebe ihr die Handschuhe, die ich mir in Ushuaia extra gekauft habe. Meine Hände sind sowieso selten kalt.

Gegen Nachmittag kommen wir im Camp an. Andrea will sich heute (wen wundert es) nirgendwo mehr hinbewegen, daher beschließe ich den Weg ins French Valley alleine zu gehen. Ich lasse meinen Rucksack im Camp, nehme meine Wasserflasche mit und tue es Dominik (dem Vier-Tage-O-Mann) gleich und jogge hinauf. Ich brauche tatsächlich für die mit 3-4 Stunden angegebene Wanderung nur knappe zwei. Der Weg hinauf ist dicht bewaldet, so dass man tatsächlich während des Aufstieges eh nicht viel sehen kann. Die Aussicht auf dem Mirador Frances ist dafür um so überwältigender. Man steht mitten auf einem Hochplateu, umgeben von zwei massiven, völlig unterschiedlichen Bergen und schaut zurück auf den schmalen Pfad, den man gerade vom Tal aus herauf gekommen ist. Der Blick reicht weit über das Camp Iatliano hinaus, bis hinunter zum Lago Grey. Ich steige danach, weniger joggend und mit dieser Aussicht im Herzen im letzten Sonnenschein des Tages (hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass wir hier wahnsinniges Wetterglück haben?) hinunter zum Camp.
Mit diesem unbeschreiblichen Panorama verabschiede ich mich an dieser Stelle von euch. Die zweite Hälfte unserer Wanderung gibt es in einem anderen Blog.

 

 


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Lasst mich Euch auf dieser Seite mit meinem Fernweh anstecken und zu Euren eigenen Abenteuern inspirieren.

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