In Necochea gibt es auf den ersten Blick: Nichts. Im Ernst. Dummerweise nicht mal das Hostel aus meinem Reiseführer. Hmm… Ich laufe eine verstaubte “Straße“ am Meer entlang und finde zwar zwei Hostels, aber a) sind alle beide nicht das Gesuchte und b) sind sie beide geschlossen.

Nachdem ich meinen Rucksack irgendwann völlig entnervt abgestellt habe und beim durch die Gegend gehen (nein, ich habe keine Angst, dass mir jemand den Rucksack klaut, dafür gibt es hier eindeutig zu wenig Leute) durch Zufall ein vorbeifahrendes Taxi auf mein heftiges Winken aufmerksam wird, startet einige Augenblicke später eine wahre Odyssee an Taxifahrten. Ich erfahre, dass ich mich in einem Vorort von Necochea befinde und die eigentliche Stadt noch gut 30km entfernt ist. Bis dorthin kann er mich allerdings nicht bringen, da dies über sein Gebiet hinausgeht.

Achtzig argentinische Dollar, zwei weitere Taxis und 30km später komme ich im eigentlichen Necochea an und finde via booking.com (gut, dass ich das Display vom Handy habe tauschen lassen) in einem Café mit WLAN, ein sehr süßes, bezahlbares kleines Hotel. Naja gut… Hotel ist schon ein sehr euphemistischer Begriff, aber hey, ich habe ein Bett (um genau zu sein habe ich insgesamt vier Betten in meinem Zimmer), ein Waschbecken (ebenfalls direkt im Zimmer, neben meinem Bett) und keine Dusche. Die gibt es auf dem Gang und nein, damit meine ich nicht ein Badezimmer, welches man sich teilt, sondern eine Dusche mitten im Flur, zwischen den Zimmern. Immerhin gibt es einen Duschvorhang. Das erklärt wohl den unglaublich günstigen Preis dieses “Hotels“.

Ich beschließe den Abend sportlich zu nutzen und jogge klischeemäßig am Strand entlang in den Sonnenuntergang hinein. Das fühlt sich tatsächlich genau so geil an, wie es klingt. Auf dem Rückweg vom Strand zum Hotel laufe ich in eine Gruppe Argentinos, die mich fragen woher ich komme und weshalb ich ausgerechnet in Necochea Urlaub machen würde. Wir kommen ins Gespräch, ich werde auf Bier und Chips eingeladen und der Abend wird, nachdem ich mich kurz im Hotel umgezogen habe, in einem nahen Café (in demselben, in dem ich vorher mein Hotel gesucht habe) noch sehr lustig.

Ich finde endlich Zeit mich mit meinen weiteren Reiseplänen zu beschäftigen und erkundige mich in der Touristeninfo nach dem geplanten Tren Patagonico. Leider erfahre ich, dass der Zug derzeit restauriert wird und die nächsten 4 Monate nicht im Einsatz sein wird. So schnell können sich gefasste Pläne wieder ändern. Nach einigem Stöbern in meinem Reiseführer steht das nächste Ziel allerdings schnell fest: Puerto Madryn. Eine Stadt genau unterhalb des Knicks in der östlichen Küstenlinie von Argentinien. Neben einer atemberaubenden Pflanzen- und Tierwelt, soll es hier auch ein aktives Nachtleben und tolle Strände geben. Ich buche meinen erstes Nachtbus, denn bis dorthin sind immerhin über 1000km zu überbrücken.

Am nächsten Tag wird mir am Strand mein Handy geklaut. Alles klar liebes Schicksal, du darfst jetzt aufhören mit dem Zaun zu winken, ich soll den Urlaub wohl ohne mobiles Endgerät meistern. Ich mache in der örtlichen Polizeistation die Erfahrung, dass ich mich doch tatsächlich mit meinem rudimentären Spanisch so langsam ganz gut durchschlagen kann, beziehungsweise auch irgendwie musste, denn niemand in der Polizeistation sprach englisch. Ich habe zwar keinerlei Hoffnung dieses Telefon jemals wiederzubekommen, aber mit einer aufgegebenen Anzeige kann ich immerhin versuchen den Schaden zu begrenzen und mir das Handy von meiner Haftpflichtversicherung bezahlen zu lassen.

Ist es tagsüber eher langweilig im kleinen Necochea, erwacht die Stadt jede Nacht aus ihrem täglichen Dornröschenschlaf. Zwar sind die Clubs und Bars nicht ganz so wild und vielfältig wie in Mar del Plata, aber das Nachtleben ruhig zu nennen wäre auch eine Untertreibung.

Meine Spaziergänge führen mich allerdings auch in den industriellen Teil der Stadt, der mit einem Surferparadies in etwa so viel gemein hat wie ein Autoreifen mit einem Robbenbaby. Ja, hier sind zwar Robben am Strand, aber wirklich viel idyllischer wird diese Gegend von Necochea dadurch auch nicht.

Der letzte Tag im surferlosen Surferdorf zieht sich in die Länge, da ich mittlerweile hier einfach alles gesehen habe und nur darauf warte, dass ich endlich in meinen Nachtbus gen Puerto Madryn einsteigen kann. Ich mache noch einen ausgedehnten Spaziergang auf der sehr langen, schmalen Landzunge im Süden der Stadt um irgendwie die Zeit bis zur Abfahrt totzuschlagen. Wer hier nicht zum Surfen herkommt, der kann diese Stadt auch wirklich einfach überspringen. Die Seelöwenkolonie am Ende der Landzunge ist das Spannendste, was mir hier heute passiert. Zeit weiter zu ziehen. Ich nehme noch die nette Essenseinladung von Kristian, einem der Argentinos an, der in der Nähe meines Hotels in einer kleinen Pizza-Bar arbeitet, schlage mir noch einmal ordentlichen den Bauch voll und steige gefühlte 20 Stunden später müde in meinen ersten Nachtbus. Tschüss Necochea.

 


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