Die Busfahrt von Puerto Madryn bis nach Feuerland zur südlichsten Stadt der Welt ist atemberaubend. Vor allem atemberaubend leer. Patagonien zieht Kilometer für Kilometer für Kilometer an meinem Fenster vorbei, aber es ändert sich kaum etwas. Mein Blick aus dem Fenster zeigt mir exakt dasselbe, wie schon vor 20 Stunden. Doch je südlicher wir kommen, desto rauer wird dieses Nichts. Immer wieder tauchen am Horizont schneebedeckte Berge auf, sieht man vom Wind schief gewachsene Bäume und desto weniger werden die Autos auf den Straßen. Nach dem Buswechsel in Rio Gallegos (wow, was für eine hässliche Stadt), einer der letzten Städte vor der chilenischen Grenze, geht es weiter Richtung Süden, hin zur Fähre. Der Hauptteil von Feuerland liegt, bis auf einen sehr kleinen Teil ganz im Südosten, im chilenischen Staatsgebiet. Die Inselgruppe Tierra del Fuego (Land des Feuers) ist durch die Magellanstraße vom Festland Argentiniens getrennt. Somit kommt zur zweiten Busfahrt unweigerlich noch eine kurze, circa halbstündige Fahrt mit der Fähre hinzu. Auf just dieser treffe ich Linus, den Berliner aus dem „Hi Patagonia“ wieder. Sein Flug wurde gecancelled und er musste ebenfalls auf die Busvariante umsteigen.

Die Fahrt nach der Fähre ist mit der davor nicht zu vergleichen. Es ist deutlich bergiger als in den letzten 30 Stunden Busfahrt, überall um uns herum sind schneebedeckte Gipfel zu sehen, die Vegetation ist… nun… es gibt Vegetation im Gegensatz zu vorher.

Ich mag Ushuaia vom ersten Moment an. Ich weiss nicht warum, aber die Stadt hat etwas sehr Gemütliches, dass mir sofort sympathisch ist. Ich hab zwei Nächte in zwei verschiedenen Hostels gebucht. Ich hoffe, dass ich im zweiten Hostel eventuell noch ein wenig länger bleiben kann, da es auf den Bildern sehr schön ausgesehen hat. Im Internet war es nach Silvester leider schon ausgebucht.
Ich checke früh aus meinem Hostel am Stadtrand aus und genehmige mir ein Taxi zum Hostel Antarctica, denn das ist genau in der Innenstadt und damit gute 7 Kilometer entfernt. Das ist mir mit meinem fast 14 Kilo schweren Rucksack an diesem Morgen dann doch zu lang, auch wenn ich auf dem Jakobsweg deutlich weiter mit so viel Gepäck auf dem Rücken gelaufen bin, aber ich bin ja schließlich auch im Urlaub; man gönnt sich ja sonst nichts.


Im Antarctica werde ich auf deutsch begrüßt und nach dem Check-in schultert der junge Hostel-Leiter wie selbstverständlich meinen Rucksack und bringt mich, diesen tragend, nach oben auf mein Zimmer. Das Hostel ist mit knapp 30 Betten sehr klein und, wie auf den Bildern schon zu erahnen war, urgemütlich. Die riesige Fensterfront mit Aussicht auf die Berge, die großen braunen Fliesen in der Lobby, die gleichzeitig Aufenthaltsraum mit 8 großen Sofas ist, die aus massivem Holz erbaute Galerie, auf der sich die großzügige Küche mit Gasherd und Essbereich befindet, die kleine Internet-Ecke, die gemütlichen, mit maximal sechs Betten bestückten Zimmer… Hier stimmt einfach jedes Detail. Auch sehr süß: Das ganze Hostel ist schon mit „Happy New Year“ Schriftzügen und Luftballons dekoriert. Ich fühle mich zum zweiten Male in kurzer Zeit zuhause.

Am Nachmittag lerne ich Juan und Gustavo kennen, einen argentinischen Psychiater aus Salta und einen italienischen Unternehmer. Juan spricht kaum ein Wort englisch und mit meinem immer noch sehr bröckeligen Spanisch-Kenntnissen können wir uns kaum wirklich unterhalten, allerdings tut das unseren Dialogen keinen Abbruch. Wir sind total auf einer Wellenlänge und bringen uns gegenseitig dermaßen zum lachen, dass uns beiden mehrfach die Tränen kommen.

Am Abend gibt es vom Hostel ein kostenloses Silvester-Buffet für alle Gäste. Empanadas, verschiedene Salate, Baguette, Fingerfood und ein Glas Sekt. Alle scharen sich um den großen Tisch auf der Galerie, essen und trinken, jeder unterhält sich mit jedem – die Atmosphäre könnte angenehmer nicht sein. Mittlerweile ist es nur noch eine Stunde bis zum neuen Jahr und draußen ist es immer noch taghell. Das ist wirklich seltsam, so nah am Südpolarkreis.

Ich habe mich für später noch mit Andrea und Teresa, den beiden Österreicherinnen aus Puerto Madryn verabredet, die vor zwei tagen nach Ushuaia geflogen sind. Diese klagen mir später ihr Leid über ihr schreckliches Hostel, in dem das leider sehr schlechte Silvester Buffet jeden noch 7€ mehr gekostet hat… Wir ziehen, selbstverständlich zusammen mit Juan und Gustavo, Abends noch ein paar Straßen weiter ins „Dublin“ einen, schwer zu erraten, Irish Pub. Um genau zu sein: Der südlichste Irish Pub der Welt. Die Stimmung ist der absolute Hammer! Touristen wie Einheimische füllen die kleine Kneipe bis in den letzten Winkel. Die Musik dröhnt so laut, dass man sich kaum versteht, es ist verraucht, alle saufen wie die Löcher, kurzum: Es ist, wie sich das für einen vernünftigen Irish Pub an Silvester nun einmal gehört, sau gemütlich und Whiskey, Killkenny und Guinness tragen ihr übriges zu dieser Atmohsphäre bei.

Natürlich kommen wir erst im Hellen wieder zurück ins Hostel. Gut, dass ist hier nicht so schwierig, da die Sonne um diese Jahreszeit nur für ein paar Stunden untergeht, aber als wir zurück zum Hostel kommen ist es fast Mittag. Ich bekomme freudestrahlend mitgeteilt, dass soeben jemand seine Buchung gecanceled hat und ich noch eine weitere Nacht bleiben kann. Außerdem hat der Hostelpapa ein paar andere Neuankömmlinge umgelegt und damit dafür gesorgt, dass ich mein Bett behalten kann.
… hatte ich schon erwähnt, dass dieses Hostel der Himmel auf Erden ist?

Gegen Nachmittag gibt es ein schnell eingekauftes Katerfrühstück, mit Cape Horn Beer und Chorizo-Baguette. Außerdem danach einen ausgiebigen anti-Kopfschmerz Erkundungsspaziergang durch Ushuaia. Die Stadt gefällt mir wirklich gut. Schade, dass sie ausgerechnet ein paar Kilometer vom südlichen Polarkreis entfernt liegt und bis auf die wenigen Monate in denen wir uns gerade befinden, eigentlich immer unter einen Schneedecke liegt. Um hier zu wohnen, wäre es mir dann doch ein bisschen zu kalt und zu abgeschlagen. Nach dem Spaziergang passiert heute nicht mehr viel. Es soll mal ein wenig eher ins Bett gehen als die letzten Tage, denn morgen früh will ich mit Andrea, Teresa und Carmen (einer Deutschen, die als Frau alleine durch Südamerika trampt) auf den Carre Medio, einen der Gletscher in der Umgebung.

 


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