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Der Zug rattert pünktlich(!) auf den Saigoner Bahnhof zu. Die Outskirts der Stadt sind erschreckend. Dreckig, ausschließlich Wellblechhütten, unbefestigte Straßen und Müll wohin man auch blickt. Wir hoffen die Innenstadt sieht anders aus.
Wir packen unsere sieben (seit Hoi An gefühlt 19) Sachen zusammen und suchen uns ein Taxi. Gar nicht so leicht wie es aussieht. Da steht zwar eine ganze Reihe Taxis, aber die sind…. ähhh häh?!… sortiert?!

 

Vorne stehen nur die Weissen mit dem Vinsun Logo und dahinter die Grünen und uns mittlerweile vertrauten von Mai Linh. Warum vertraut? Vorsicht, hier ein Tipp für alle zukünftigen Vietnamreisenden: NUR Mai Linh Taxis haben einen funktionierenden und geeichten(!) Taxameter. Alle anderen bescheissen einen nach Strich und Faden, selbst mit Taxameter. Da zahlt man dann gerne mal das Fünffache des normalen Preises. Außerdem haben wir herausgefunden, dass die Mai Linh Taxen sogar oft günstiger sind, als so manches Mototaxi.

 

Wir gehen also zur hinteren Reihe und werden von verschiedenen Leuten in Taxikluft wahlweise nach ganz hinten, oder ganz vorne der Reihe geschickt. Na super. Nach einigem hin und her, und nachdem sich ungefähr gefühlte 70 vietnamesische Großamilien vorgedrängelt haben, bekommen wir endlich eines der begehrten Dinger und lassen uns einmal quer durch die Stadt zu unserem Hostel fahren.

Dieses stellt sich als noch nicht geöffnet heraus, wir haben ja schließlich auch erst sechs Uhr. Die freundliche ältere Dame vom Straßenstand nebenan verrät uns aber wo die Klingel ist. Ein völlig verschlafener Nachtportier öffnet, schaut uns verdutzt an und fängt erst einmal an die Leuchtschilder des Hostels draußen zu platzieren. Ganz schön unhöflich…
Nachdem er die Schilder aufgestellt und verkabelt hat, fährt er den obligatorischen Motorroller aus dem Haus, schaltet die Sicherungen ein, rückt die Stühle zurecht, putzt einmal durch (hey Keule, wir wollen EINCHECKEN!) und verschwindet wieder im hinteren Teil des Hostels. Boris, schon völlig entnervt schaut sich derweil draußen schon mal nach freundlicheren Hostels um. Ich warte in der Lobby immer noch in der Hoffnung gleich einen Zimmerschlüssel zu bekommen.

 

Nach guten zehn Minuten kehrt der Hotelmann in die Lobby zurück und erklärt mir, nach meiner nun etwas genaueren Nachfrage, dass er nicht befugt sei uns einen Zimmerschlüssel zu geben, die Rezeptionistin aber um sieben Uhr kommen würde. Puh, okay, dann warten wir eben noch eine halbe Stunde. Als aber um viertel nach Sieben immer noch niemand da ist, der uns einen Schlüssel geben darf, geht auch mir langsam aber sicher die Geduld aus. Zum völligen Platzen meiner Hutschnur kommt es, als plötzlich zwei weitere Backpacker im Raum stehen, dem Mann ihre Reservierung unter die Nase halten und sofort einen Zimmerschlüssel in die Hand gedrückt bekommen. Wir beschliessen spontan in das gegenüber liegende Hostel, Hotel Sunny zu ziehen.

 

Dort angekommen wird unser Tages-Ritual gepflegt: Sachen aufs Zimmer, Frühstücken, Pennen legen. Unser erster Anlaufpunkt am heutigen Tage (nach dem Bett), soll der größte Markt Saigons sein. Dieser ist, laut Karte, circa drei Kilometer von unserem Hotel entfernt. Da wir ja mittlerweile die Taxipreise kennen, handeln wir schnell zwei Moppedfahrer gehörig runter und steigen auf. Oh oh, der Himmel sieht schwer nach Monsun aus. Schon nach den ersten hundert Metern, bekommen wir die ersten Regentropfen ab. Oh Mist, drei Kilometer? Das schaffen wir nie! Doch nur ein paar hundert meter weiter stehen wir vor einem Markt und die Herren wollen ihr Geld haben.

Hmm, komisch, sah auf der Karte viel weiter aus… Wir bezahlen, kommen gerade so vor Beginn des Monsuns in die Markthalle und stellen schnell fest, warum die beiden Fahrer so schnell mit unserem Preis einverstanden waren: Wir sind nicht zum Thien Thun, sondern nur zum Ben Than Markt gefahren und… mal wieder abgezogen worden. Na ja, dieses Mal können wir ganz gut damit leben, heisst es doch, dass zumindest unsere Klamotten nicht direkt in den ersten zehn Minuten des Tages völlig durchnässt werden. Dann starten wir eben hier unseren Einkaufsbummel, bestimmt auch interessant.

Die kleinen Gässchen durch die Markthalle sind eng und jeder Stand ist bis unters Dach vollgestopft. Die Verkäufer und Verkäuferinnen versuchen einem alles Mögliche und Unmögliche anzudrehen und gehen hier sogar so weit einen festzuhalten und in ihren Shop zu ziehen. Wow, auch wenn schon die Hmong-Frauen in Sa Pa anstrengend waren, so krass aufdringlich haben wir das bisher in Vietnam noch nie mitbekommen. Ich lasse mich dazu hinreissen eine Sonnenbrille zu kaufen. Sämtliche Preise in der Markthalle sind utopisch hoch angegeben. So handele ich die Sonnebrille schnell von 589.000 (circa 22 Euro) auf 200.000 (ca. 8 Euro) herunter. Und selbst das ist vermutlich noch zu viel. Aber nun, die Sonnenbrille gefällt mir und ich habe keine große Lust auf noch weitere 20 Minuten Diskussion für zwei Euro weniger. Nachdem wir ein wenig Kleinkram eingekauft, sehr lecker und frisch gegessen haben und der Monsun endlich nachgelassen hat, suchen wir uns ein Taxi um zum Kriegsmuseum (formerly known as „war crime museum“) zu fahren.

Wir bestehen natürlich auf Taxameter und…. werden völlig verarscht. Wir bezahlen für die knappen zwei Kilometer zum Museum denselben Preis, wie heute Morgen im Mai Linh Taxi die sechs Kilometer zum Hotel. MAI LINH! Ab jetzt nur noch Mai Linh! Das Museum ist unglaublich krass, stellt den Schrecken des Vietnamkrieges, die Agent Orange (Gas-und Biowaffen)-Angriffe und deren Folgen mit derben Fotos dar und man bekommt eine ganz, ganz vage und unglaublich grausame Ahnung, was hier vor gar nicht all zu langer Zeit abgegangen ist…
Sowohl Boris als auch ich sind völlig aufgelöst nach diesem Besuch, und haben so überhaupt gar keinen Antrieb mehr, heute Abend noch irgendwas zu unternehmen.
Ich mache die Anmoderation zum Museum für mein Vietnam-Video erst nach dem Besuch im Inneren. Das sieht man mir im Video auch deutlich an…

Wir beschließen uns bestmöglich abzulenken und uns zum Abschluss des Tages noch die Kathedrale und die daran anschliessende Einkaufsstraße „Dong Khoi“ anzusehen. Als wir an der Kathedrale aus unserem Mai Linh Taxi (ja, wir lernen dazu) aussteigen und bezahlen wollen, stelle ich fest, dass meine rechte Gesäßtasche offen und mein Portemonnaie weg ist. Geklaut. Na super. Wir fahren zwar sofort zurück zum Museum, aber selbstverständlich ist das Portemonnaie dort weder aufzufinden, noch irgendwo abgegeben worden. Ich hatte ja noch die vage Hoffnung, es vielleicht einfach nur verloren zu haben… aus einer mit Reißverschluss geschlossenen Gesäßtasche…. nun ja, unwahrscheinlich, doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Zum Glück war neben ein wenig ländlicher Währung (wie gut, dass ich mir nur 10 Minuten vorher von Boris noch 500.000Dong geliehen habe *grrr*) und ungefähr 20€, nur mein Ausweis, mein Führerschein und zwei Bankkarten darin. Eine davon eine Giro-, die andere eine Kreditkarte, die ich beide natürlich umgehend sperren lasse.

 

Die Kathedrale ist nicht annähernd so groß und pompös wie wir gedacht haben und so landen Boris und ich relativ schnell auf der sehr viel interessanteren Straße gen Fluss, der weltbekannten „Dong Khoi“. Die Straße war (unter dem Namen Rue Catinat) schon während der französischen Kolonialherrschaft die wichtigste Flaniermeile der Stadt. Auch heute findet man hier die besten und teuersten Hotels, Boutiquen und Galerien. Das Hotel Continental aus dem Film Hotel International (orig. Titel: The VIPs) befindet sich ebenfalls auf diesem Schickimicki-Boulevard.

Boris und ich stolpern in ein riesiges Kaufhaus. Drei Stockwerke hoch und vier Untergeschosse tief reihen sich hier die Creme de la Creme der teuersten Markengeschäfte der Welt aneinander. Dior, Boss, Lacoste, Bang & Olufsen, Swarowski… You name it! Hier findet man alles was das Bonzenherz begehrt. Voll klimatisiert, und mit marmornem Parkett selbstverständlich. Prunk und Protz soweit das Auge reicht. Vergleiche mit dem KaDeWe in Berlin, oder dem GUM in Moskau sind definitiv gerechtfertigt.

In der Fress-Etage fällt uns ein lustiges Detail auf, welches wir schon in einigen Franchise-Läden hier im vorbeigehen gesehen haben:
Die Aufteilung des Bar- und Servicepersonals ist irgendwie unproportional. Wir zählen in einem Franchise Lokal mit circa 25 Tischen 13(!) Kellner. Das Hand-in-Hand arbeiten und die Arbeitsaufteilung steckt hier definitiv noch in der Anfangsphase. Denn, wer ein kleines bisschen Ahnung von Gastronomie besitzt (und ich habe immerhin fast zehn Jahre in der Gastro gearbeitet) sieht sofort: Die Ordnung entspricht exakt der des Rollerverkehrs in der Innenstadt. 

 

An einer Kreuzung zurück auf der Flaniermeile draußen, fällt unser Blick auf ein unglaublich luxuriös aussehendes Hotel, direkt gegenüber des Hotels Continental. In der Hoffnung dort in die oberste Etage zu gelangen und einen Blick über das mittlerweile nächtliche Saigon werfen zu können, schleusen wir uns ein, begeben uns in den Fahrstuhl und… werden leider enttäuscht. Die höchste Etage im Gebäude ist Etage 19. Zu allen höheren Etagen (vermutlich Suiten und Penthouses), kommt man nur mit einer Chipkarte, die wir weder besitzen, noch vermutlich uns leisten können.

Was wir uns aber leisten ist ein Bier, im immerhin 19. Stock des Hotels, auf einem kleinen Balkon über der Stadt. Auch von hier ist der Blick schon umwerfend und ich drehe spontan an diesem grandiosen Ort die Abschlussszene für meine Vietnam-Doku für YouTube. Mit fast 4€ für ein Bier, ist der Laden für vietnamesische Verhältnisse geradezu unbezahlbar. Aber immerhin ist dies unser vorletzter Abend und man gönnt sich ja sonst nichts.

 

In nicht all zu weiter Ferne leuchtet uns ein sehr imposantes und noch um einige Etagen höheres Hochhaus mit seiner beleuchteten Kuppel an. Wir fragen eine der netten (und unglaublich hübschen) Bedienungen, ob sich in diesem Gebäude auch eine Bar befände, doch leider kann uns die Gute nicht weiterhelfen. Also beschliessen wir, dies auf eigene Faust zu überprüfen und kommen nach circa 15 Minuten Fußmarsch am Fuße des wirklich beeindruckenden Gebäudes an. Wir erfahren, dass es das höchste Gebäude des Landes ist und gönnen uns die circa 10€ Eintritt(!), um hoch fahren zu dürfen. Oben angekommen verschlägt es uns die Sprache, denn der so großspurig klingende Werbespruch in der Lobby “Die Welt liegt dir zu Füßen” stellt sich tatsächlich, als nicht übertrieben heraus. Man befindet sich genau unter dem im 50. Stock installierten Helipad und kann durch eine voll verglaste Front das komplette 360° Panorama der Stadt geniessen. Hier hat sich jeder Cent gelohnt. Siehe Bilder in der Gallerie.

 

 

Hi, ich bin Sören
Musiker, Schauspieler und leidenschaftlicher Reisender.

Ich habe nicht umsonst ein Album, dass „Fernweh“ heisst. Lasst mich Euch auf dieser Seite damit anstecken und zu Euren eigenen Abenteuern inspirieren.

Auch Selbstständig/Freiberufler?
Diese Online-Buchhaltung erleichtert mir seit Jahren enorm das Leben.

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