Unser Weg führt uns heute nach Cat Cat, dem berühmtesten der umliegenden Bergdörfer, des ansässigen Stammes der Hmong. In bunte Trachten gehüllt, kann man die Hmong Frauen in der Stadt stets gut ausmachen. So können Boris und ich, seit gestern Abend geschult (“Come to my Village!”), diesen Damen lieber aus dem Weg zu gehen und in der Helligkeit immerhin ausweichen.

 

Nach einem dürftigen Frühstück machen wir uns auf den Weg. Am Dorfrand angekommen müssen wir erst einmal für die Straße nach Cat Cat Eintritt bezahlen(!). Oh man, touristischer gehts nicht. Doch damit noch lange nicht genug. Kaum sind wir um die erste Kurve herum, ist die ganze Straße voller Hmong-Frauen. Man sieht einzelne Hmong wirklich die nächsten drei Kehren den Berg hinunter stehen. Alle belagern uns sofort mit einem “Buy from me, buy from me”! Ich hab jetzt schon genug. Durch die ersten drei können wir uns noch gerade so durchschlängeln, doch die nächsten beiden sind wirklich hartnäckig. Nach gut fünfzehn Minuten und nur circa 200 Metern zurückgelegten Weges wird Boris weich und kauft einer der beiden Damen eine Maultrommel ab. GROßER FEHLER!

„You buy, from her, you buy from me!“ Während die eine Dame nun zufrieden ist und sich zurückfallen lässt, wird die andere, nun angesportn, immer penetranter. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass wir innerhalb des nächsten Kilometers, ungefähr 35 Mal diesen letzten Satz hören durften. Die Aussicht dagegen, wird immer grandioser. Ich würde so gerne die Ruhe dieser Landschaft geniessen, wäre da nicht…. Naja, ihr wisst schon. Ich bin wirklich hart an der Grenze meiner Geduld und gebe ihr nun etwas unverblümter zu verstehen, dass ich nichts kaufen möchte, woraufhin sie einfach wieder Boris belagert. Long Story Short: Nachdem wir ihr beide, nun etwas eindrücklicher, zu verstehen gegeben haben, dass wir nichts weiteres kaufen möchten, gibt sie irgendwann endlich auf.
Bisher fand ich, selbst die etwas penetranten Damen gestern Abend wirklich super lustig und nett. Nun weiss ich, dass es auch Ausnahmen gibt.

 

Die Landschaft ist mittlerweile einer Postkartenidylle gewichen und ich mache unzählige Fotos.

Im nächsten „Dorf“, da wo fünf Hütten beieinander stehen, kontrolliert man unsere Straßentickets noch einmal und wir werden eine Treppe hinunter geschickt. Nun folgen wir ungefähr zwei Kilometer lang einem kleinen betonierten Pfad, der immer mal wieder von Treppen unterbrochen, und links und rechts mit unzähligen Wellblech- und Holzhütten gesäumt ist, in denen es überall das Gleiche (Souvenier-Tand) zu kaufen gibt.

Am Ende des Weges fällt die Treppe steil ab und man blickt hinunter auf einen Wasserfall, mit einer Hängebrücke davor und einem kleinen Dorf auf der anderen Seite. Wem jetzt noch nicht klar sein sollte, das dies nun das anvisierte Ziel ist, dem wird es durch traditionelle Musik, die aus irgendwelchen versteckten Boxen dröhnt, noch deutlicher gemacht.  Der Holzhammer wird einem quasi ins Gesicht geschmettert. HALLO DÄMLICHER TOURIST, DU BIST JETZT DA!

Man fühlt sich weniger an ein abgelegenes Bergdorf der Hmong, als vielmehr an ein Vietnam-Themendorf im Phnatasialand erinnert. Eine Show im Dorf, in der von jungen Hmong traditionelle Tänze aufgeführt werden (und zwar stündlich) macht diesen Eindruck noch plastischer. Wenn man konsumgestörter Amerikaner ist, findet man das bestimmt „absolutely amazing“, ich finde es anstrengend und kitschig. Ja, das Dorf am Wasserfall ist schön. Ja der Ort an sich ist mystisch und unwirklich. Der eigentliche Zauber des Ortes wird allerdings von Plastikkramverkauf, dem nervendem „buy from me“ und der Erlebnispark Athmosphäre fast komplett aufgefressen. Sehr, sehr schade.

Ein kleiner Pfad am Ende des Dorfes erregt unsere Aufmerksamkeit und Hooray, er führt wirklich eng am Fels entlang über den reissenden Fluss, zu weiteren Hmong Dörfern, quer durch die Wildnis. Wir wandern ungefähr eine Stunde weiter, ehe uns der Weg zu gefährlich wird. Wir drehen wieder um, und halten unsere dampfenden Füße zum krönenden Abschluss noch in die eiskalten Fluten des klaren Flusses. Herrlich.

 

Als wir nach etwa fünf Stunden Wanderung und so einigen Höhenmetern wieder oben in Cat Cat ankommen, bin ich ganz stolz, als ich sowohl unsere Getränke, als auch unsere beiden Suppen, komplett auf vietnamesisch bestelle. Na ja, wohl eher Pseudo-Vietnamesisch, aber hey, die Sprache ist auch echt schwer!

 

Wir schlendern noch über den berühmten Markt, der in jedem Reiseführer so angepriesen wird und werden überrascht. Hier kann man wirklich noch traditionelles beobachten. Angefangen bei den Garküchen in der Mitte des Marktes, zu dem ganzen lebenden Getier welches hier feilgeboten wird, bis hin zum toten Getier, dass auf Wunsch auch vor den Augen des Kunden geschlachtet und ausgenommen wird.

Ich sehe ein Huhn, welches mit gebrochenem Genick einfach in einen Eimer geworfen wurde, während dessen Beine noch zucken. Als ich wieder aufblicke, kauft gerade jemand eines der lebenden Exemplare. Das arme Vieh wird aus seinem viel zu kleinen Käfig genommen und dem Käufer präsentiert. Dieser nickt, woraufhin ein Stück Plastik um die Beine des Gockels geschwungen wird, dass dieser sich nicht mehr bewegen kann und dann mit Schwung direkt, auf die Waage gegenüber geklatscht. Danach kommt das immer noch lebendige Tier kopfüber in eine blaue Plastiktüte, wobei der Kopf im Nachhinein dann wieder mit der Hand herausgefischt wird. Tja, ich sage mal so: Frischere Chickenwings bekommt man in keinem europäischen Supermarkt.

Noch krasser finde ich allerdings eine Marktreihe weiter Boris‘ Entdeckung:
Er reisst nur die Augen auf und deutet mit der Hand auf einen Stand. Ich blicke mich um und sehe sofort was er meint. Auf einem silbernen Tablett direkt neben mir liegen Fleischstücke, Innereien und Undefinierbares. Alles wohl drapiert um einen Kopf… einen Hundekopf.

 

Guten Appetit.

In eineinhalb Stunden geht es schon zurück gen Hanoi. Ich erinnere mich an einen Billiardtisch, in einer kleinen Bar der Hauptstraße und wir machen uns auf, um uns dort noch ein wenig die Zeit zu vertreiben. Der Barkeeper und drei seiner Kumpels stehen um den Tisch herum und zocken. Na ja, warten wir halt. Wir bestellen uns ein Bier und teilen ihm mit, dass wir gerne eine Runde Billiard spielen würden. Er gibt uns das erfrischende Tiger Beer (lecker) und uns zu verstehen, dass sie nur noch eben die Runde zu Ende spielen wollen. Nachdem wir aber auch nach nochmaligem Nachfragen und zwei weiteren Runden weiterhin ignoriert werden bezahlen wir und gehen zurück zum Hotel.

Dort angekommen stellen wir fest, dass auch dieses einen Billiardtisch besitzt. Der ist umsonst und sieht auch dementsprechend aus, die Kugeln halten sich in etwa so an ihre Laufbahnen, wie die Mofa-Fahrer  in Hanoi an Verkehrsregeln, aber wir haben trotzdem unseren Spaß. Round One, fight!
Der Bus kommt eine halbe Stunde früher, aber wir denken gar nicht daran unser Spiel zu unterbrechen. Lange haben wir uns allerdings nicht getraut ihn warten zu lassen. Nur zehn Minuten später versenke ich die schwarze Kugel nach einem Foul von Boris und habe gewonnen.

 

Die Fahrt zurück haben wir einen Zug gebucht, man muss ja alles mal erlebt haben. Der Bus nach Lao Cai zum Bahnhof ist dieses Mal nicht ganz so arg überladen wie auf unserer Hinfahrt und wir bekommen sogar Sitzplätze, die keine Plastik-Hocker neben der Sitzbank sind. Dafür wird die Fahrt ungewollt länger als geplant, denn ein Erdrutsch versperrt uns den Weg ins Tal. Wir stehen ungefähr eine halbe Stunde auf der Bergstraße und sehen dabei zu wie Bagger und Lastwagen Schlamm und Geröllmassen wegschaffen. Nun ja, gut dass das Ding nicht direkt neben uns runter gekommen ist.
In Lao Cai angekommen müssen wir uns eine Stunde vorher für unsere Tickets am Schalter melden, also gehen wir direkt zur Station. Der erste Schalter schickt uns an einen Schalter direkt gegenüber, dieser wiederum verweist uns an eine junge Vietnamesin mit weisser Handtasche, die neben dem Schalter steht. Sie nimmt unseren Voucher entgegen, steckt ihn in ihre Handtasche, streicht uns auf einer kleinen Liste durch und übergibt uns die Fahrkarten. Danach verschwindet sie wieder im Getümmel der Bahnhofshalle. Interessant.

Wir versuchen gar nicht erst dieses Prinzip zu verstehen und gehen lieber noch etwas essen. Hier sehen wir zum ersten Mal einen kleinen fahrbaren Wagen, der Döner verkauft. Ich glaube es ist mittlerweile egal an welchem Punkt der Welt man sich aufhält. Die Teigtasche hat diesen garantiert schon erobert. Wir essen aber lieber wieder eine gute Pho Bo (Rinder-Suppe) und begeben uns zum Zug.

 

Der Zug ist unglaublich bequem, die Betten im Schlafwagen, genau wie in Russland, geräumig und gemütlich. Wir teilen das Abteil mit David und Kathi, einem sehr netten englischen Pärchen auf Asienreise. Sie erzählen uns viele Stories ihrer bisherigen Reise durch China, Laos und Kambodscha. Insgesamt sind die beiden neun Monate lang unterwegs und gerade ungefähr bei der Hälfte angekommen.

 

Wir realisieren, dass wir nun auch schon fast eine Woche unterwegs sind, setzen uns mit unseren Reiseführern zusammen und planen den weiteren Verlauf unserer leider sehr viel kürzeren Tour.
Morgen ist Ausspannen angesagt, danach geht es dann für eine Tagestour zur Parfüm Pagode und am Tag danach dann für ein paar Tage mit dem Boot durch die Ha-Long Bucht. Einer der Höhepunkte der Reise.

 

Morgen legen wir aber erst einmal die Beine hoch, dann sehen wir weiter.

 


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Hi, ich bin Sören
Musiker, Schauspieler und leidenschaftlicher Reisender.

Ich habe nicht umsonst ein Album, dass „Fernweh“ heisst. Lasst mich Euch auf dieser Seite damit anstecken und zu Euren eigenen Abenteuern inspirieren.

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